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摩根盛通总今日推荐| Verbotene Stadt Ein skrupelloser Eunuch steigt zum heimlichen Herrscher auf

Abgeschottet von der l?rmenden Welt ihrer Untertanen, residieren die Herrscher der Ming-Dynastie in der Verbotenen Stadt im Herzen Beijings - einer verschlossenen Palastanlage voller Geheimnisse, in der alles Ritual ist, jedes Tun Folgen hat, jeder Fehltritt geahndet wird. Bis sich ein Kaiser dem Hofzeremoniell entzieht – und ein skrupelloser Empork?mmling aus den Reihen der m?chtigen Eunuchen im Jahr 1620 seine Chance sieht
Verbotene Stadt
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Fünf Durchg?nge führen vom Haupttor der Palaststadt in den ersten Hof. Der mittlere ist dem Kaiser vorbehalten, die beiden daneben dem Adel und den Beamten, die sich hier zur Audienz einzufinden haben

Seine Augen sind mit einem Tuch verbunden, Arme und Beine ans Bett gefesselt. Wei Zhongxian sieht die anderen M?nner im Raum nicht, er h?rt sie nur. Vielleicht das Ger?usch eines Schleifsteins auf Metall, weil ein Messer gewetzt wird. Die Klinge muss scharf sein.

Wei Zhongxian darf keine Angst zeigen. Hat er sich nicht aus freiem Willen in diese Hütte in einer Nebenstra?e von Beijing begeben? Zur eigenen Sicherheit hat er sich von den Operateuren festbinden lassen. Jede pl?tzliche Bewegung w?hrend des Eingriffs k?nnte t?dliche Folgen haben.

"Wirst du es bereuen oder nicht?", h?rt er eine Stimme fragen. Bejaht Wei oder zeigt er auch nur Anzeichen von Zweifel, ein Zittern in der Stimme, darf die Operation nicht stattfinden. Gewiss muss er allen Mut zusammennehmen, um zu antworten. Nein, er wird seine Entscheidung nicht bereuen. Denn Wei Zhongxian ist sich sicher: Er will sich kastrieren lassen. Aus Ehrgeiz und kühler Berechnung. Mit einer Brutalit?t gegen sich selbst, die sp?ter noch viele seiner Feinde spüren werden.

Der Eingriff k?nnte ihn das Leben kosten. Doch er hat nichts zu verlieren. Denn Wei, 1568 in ?rmlichen Verh?ltnissen geboren, ist schon mit 20 Jahren ein Gescheiterter: ein Schl?ger, der weder lesen noch schreiben kann. Ein Spieler, der viele Schulden angeh?uft hat. Nur eine Chance auf Ansehen und Auskommen scheint es für ihn noch zu geben: eine Karriere am kaiserlichen Hof, in der Verbotenen Stadt im Herzen Beijings – oder zumindest in dem umliegenden Viertel, das die Palastanlage versorgt.

Doch ein Leben dort, in der N?he zur Macht, gibt es nur zu einem hohen Preis – dem seiner M?nnlichkeit. Denn Chinas Kaiser umgeben sich in ihrem innersten Zirkel am liebsten mit Eunuchen. Au?er dem Herrscher darf kein ?ganzer Mann“ der Kaiserin und den zahlreichen Konkubinen zu nahe kommen.

Und Wei Zhongxian ist bereit, diesen Preis zu zahlen. Die Operateure binden ihm Penis und Hoden hoch, waschen sie mehrfach mit einem bet?ubenden ?l. Sie verabreichen ihm Alkohol oder Opium, weil die Schmerzen, die ihm bevorstehen, sonst unertr?glich w?ren.

Nun setzt ein Operateur sein sichelf?rmiges Messer an. Mit schnellen Schnitten trennt er die Genitalien ab. Dann führt er eine Wachsnadel in den Harnleiter ein, denn die ?ffnung darf auf keinen Fall mit der Wunde zuwachsen: Ein Urinstau würde Weis Tod bedeuten.

Die Verbotene Stadt

Mit Starker Pranke beschützt dieser monumentale Bronzel?we sein Junges. Die Statue geh?rt zu sechs L?wenpaaren, die in der Verbotenen Stadt von der Würde und Hoheit der Himmels-s?hne künden

Anschlie?end stillen die M?nner mit in kaltem Wasser getr?nktem Papier die Blutung. Sie pudern die Genitalien, lassen sie trocknen und konservieren die Organe schlie?lich in ?l. Viele Kandidaten, die sich wie Wei Zhongxian für rund 200 Gramm Silber der Kastration unterziehen, aus Ambition, Not oder Kalkül, überleben die Prozedur nicht. Die Unglücklichen verbluten oder sterben sp?ter an Infektionen. Doch Wei ist stark genug, die Tortur zu überstehen. Langsam fangen seine Wunden an zu verheilen, 100 Tage dauert die schmerzhafte Genesung. Und w?hrend sein K?rper sich erholt, beginnt er sich zu ver?ndern.

Ohne die in den Hoden gebildeten Geschlechtshormone wandelt sich seine Stimme, sie klingt allm?hlich h?her. Die Muskeln werden schw?cher, der Bartwuchs nimmt ab, die Haut schrumpelt und die Fingern?gel f?rben sich gelblich. Viele Kastrierte haben eine untersetzte Statur, gro?e Ohren, ein nerv?ses Gemüt, setzen Fett an. Nicht selten leiden sie unter Inkontinenz, ihr Leben lang.

Nach seiner Gesundung stellt sich Wei Zhongxian im Jahr 1589 in Beijing den Auswahlprozeduren, die jeder Entmannte vor dem Eintritt in den kaiserlichen Dienst über sich ergehen zu lassen hat. Er muss Probearbeiten leisten, wird von erfahrenen Eunuchen befragt und zwischen den Beinen gründlich untersucht, damit sich kein ?ganzer Mann“ unter die Kastrierten schleicht.

Die meisten erfolgreichen Kandidaten werden in der Kaiserstadt arbeiten, einem ummauerten Areal um die Palastanlage, in dem sich unter anderem St?lle, Manufakturen, Lagerh?user, eine B?ckerei und eine riesige Küche befinden. Sie beliefern die Verbotene Stadt, in der die einflussreichsten Eunuchen Dienst tun, mit allem, was dort gebraucht wird.

Offenbar bew?hrt Wei sich, denn nach Tagen des Probens und Prüfens z?hlt er tats?chlich zu jenen, die ein h?lzernes T?felchen erhalten. Und damit den Auftrag, am kaiserlichen Hof zu arbeiten.

Fast 40 Jahre wird er dort verbringen. Vom einfachen Knecht wird der Analphabet zum m?chtigsten Eunuchen in der Geschichte Chinas aufsteigen: zum heimlichen Herrscher in der Verbotenen Stadt, der seine Autorit?t nicht wie die Kaiser einem Mandat des Himmels verdankt, sondern Gerissenheit, Intrigen und Mord. Grausam wird er jeden verfolgen lassen, der ihm dabei im Wege steht, und damit den kaiserlichen Hof in Angst und Chaos stürzen – jenen Ort, der erschaffen wurde als Hort der himmlischen Ordnung auf Erden.

Die Verbotene Stadt

Pr?chtige Beleuchtung schmückt das Laternenfest. So ungezwungen geht es in Gegenwart des Kaisers aller- dings selten zu. Stets wachen Zensoren über die Etikette

Die Verbotene Stadt ist einer der gr??ten Pal?ste weltweit

Die Verbotene Stadt ist eine der gr??ten Palastanlagen der Welt. Ihre Bauten bedecken eine Fl?che von 723 600 Quadratmetern – eine eigene Stadt inmitten Beijings, von der Kapitale durch einen mehr als 50 Meter breiten Wassergraben und eine fast acht Meter hohe Mauer getrennt. Vier schwer bewachte Tore weisen in die vier Himmelsrichtungen.

Innerhalb der Mauern erhebt sich ein geometrisches Ensemble aus fast 1000 rot gestrichenen Pal?sten, Hallen und Pavillons mit golden schimmernden D?chern, sorgsam gepflasterten H?fen sowie G?rten mit aufgeschütteten Hügeln und kohlebeheizten Fischbecken.

Die Anlage teilt sich in zwei Bereiche: den ?u?eren Hof für Audienzen und Staatsgesch?fte und den Inneren Hof, der die Gem?cher der kaiserlichen Sippe und der gut 3000 Palastfrauen und Konkubinen birgt. Eunuchen sind die einzigen M?nner neben der Herrscherfamilie, die hier regul?r Zugang haben. Die Anordnung der Geb?ude in der Palastanlage, die Materialien und Farben: Nichts ist zuf?llig. Jedes Detail dient einem h?heren Zweck.

Die Anlage ist nach uralten Lehren und Gesetzen erbaut, als Abbild der kosmischen Ordnung. Sie hat eine rechteckige Grundfl?che, weil die Erde nach chinesischer Vorstellung viereckig ist, der Himmel hingegen rund. Der Goldwasserfluss, der den Süden der Anlage in B?gen durchstr?mt, symbolisiert die Milchstra?e.

Das Gew?sser findet sein Gegenüber im ruhenden Berg der Langlebigkeit im Norden – so wie es die Regeln des Feng-Shui verlangen. Diese Vorgaben sollen einem Ort kosmische Harmonie und positive Kraft verleihen.

Der Bau folgt auch den Gesetzen von Yin und Yang, die die entgegengesetzt wirkenden Kr?ften des Universums repr?sentieren: das Dunkle und das Helle, das Weibliche und das M?nnliche, das Innere und das ?u?ere, gerade und ungerade Zahlen. Nicht nur die Welt als Ganzes birgt solche Gegens?tze, sondern auch jedes Wesen, jedes Ding. überall gilt es, die Kr?fte auszubalancieren.

In der Verbotenen Stadt verk?rpert der Innere Palast, in dem gerade Zahlen die Baukonstruktion bestimmen, das Yin. Dort stehen anfangs zwei Haupt- und zweimal sechs Wohnpal?ste. Im ?u?eren Hof, der das Yang repr?sentiert, dominieren dagegen ungerade Zahlen: drei Hallen, fünf hintereinanderliegende Tore.

200.000 Menschen erbauten die Palastanlage

Auf den D?chern prangen Tiere und Fabelwesen, die die Geb?ude vor Feuersbrünsten bewahren oder ihren Bewohnern Glück und Wohlstand bringen sollen. Und je mehr Drachen, Ph?nixe, L?wen, Einh?rner, Himmelspferde und Fische – alle aus Ziegeln gefertigt – ein Dach schmücken, desto bedeutsamer sind die Bauten innerhalb des Ensembles.

Elf Wesen zieren allein die Hauptgeb?ude, etwa die drei Audienzhallen. Erhaben thronen die auf m?chtigen Terrassen im Zentrum der Verbotenen Stadt. Kaiser Yongle hat die Palastanlage im frühen 15. Jahrhundert errichten lassen. Zuvor hatte er die Kapitale von Nanjing nach Beijing verlegt – so wollte er den Norden des Landes gegen die st?ndige Bedrohung durch die Mongolen st?rken.

1417 begann der Bau der Anlage: ein Werk vollendeter Planung und Logistik. Aus vielen Teilen des Reiches orderten die Baumeister vorab edelste Materialien. Wertvolle Harth?lzer lie?en sie aus den tropischen W?ldern der Provinz Sichuan nach Beijing fl??en. Allein für die ?u?ere Mauer um die Kaiserstadt wurden 80 Millionen Ziegel herbeigeschafft.

Die bis zu 300 Tonnen schweren Steinplatten für die gro?en Terrassen bewegten die Arbeiter allein mit Schlitten und h?lzernen Bodenrollen. Beim Bau eines Tempels machten sich die M?nner die K?lte des Winters zunutze: Vor Einbruch der Frostperiode bohrten sie zwischen Beijing und einem 70 Kilometer entfernten Steinbruch alle 500 Meter einen Brunnen und fluteten anschlie?end die Wege. So entstand eine Eisbahn, über die die Felsbl?cke zum Ziel glitten.

200.000 Bauarbeiter, Handwerker und Künstler schufteten in der wachsenden Palastanlage, die den meisten Sterblichen verschlossen blieb. Nach nur drei Jahren war ihr Werk vollendet.

1589: Der sp?tere Obereunuch Wei Zhongxian kommt an den Hof

Glanz und Gr??e der Verbotenen Stadt werden Neuank?mmlingen zu allen Zeiten den Atem genommen haben. Doch als Wei Zhongxian 1589 seinen Dienst antritt, ist der ihm zugewiesene Ort fern von der Macht. Sein Platz ist in der Kaiserstadt, au?erhalb der Palastanlage – in den St?llen bei den Tieren. Als Knecht versorgt er Pferde und auch Elefanten, die für ausgew?hlte Zeremonien eingesetzt werden. Sp?ter arbeitet er in Lagerh?usern und als Bauarbeiter.

Noch tut er sich nicht hervor. Auff?llig ist nur sein ?u?eres. Für einen Entmannten ist Wei, nun 21 Jahre alt, nach wie vor stark und athletisch. Doch er wirkt oft nerv?s und launisch. Zeitgenossen beschreiben ihn als ?u?erst wechselvollen Charakter, der charmant sein kann, pr?chtigen Blumenschmuck mag und elegante Kleider, aber rachsüchtig ist und leicht reizbar.

Weis neues Leben folgt einem streng geregelten Ablauf. So darf er sich nur an vorgegebenen Tagen den Kopf rasieren lassen oder Laub harken: Ein Kalender, der den Willen des Himmels wiedergibt, schreibt die Termine vor. Das Ritual bestimmt den Rhythmus der Verbotenen Stadt, nur die Wiederholung immer gleicher Zeremonien kann die kosmische Ordnung bewahren, an deren Spitze der Herrscher steht. Und auch dessen Tagesablauf ist genau festgelegt.

Früh morgens, noch vor Sonnenaufgang, empf?ngt der Kaiser ein Heer von Beamten zur Audienz. Vor den Eing?ngen der Palastanlage sammeln sich Tausende in blauen und roten Seidenroben sowie die Armeeoffiziere der Hauptstadt. Lange vor Tagesanbruch künden Trommelschlag und Glockengel?ut das ?ffnen der Tore an. Mehrere Hundert Meter müssen die M?nner zurücklegen bis zu dem weiten Hof vor einer der gro?en Audienzhallen im Zentrum der Verbotenen Stadt; nur wenige Laternen aus Ziegenhautstreifen leuchten ihnen in der Dunkelheit den Weg.

Dort nehmen sie ihre Position vor dem Thron des Kaisers ein: die Offiziere nach Osten gewandt, die Beamten nach Westen. Bei manchen Veranstaltungen weisen Markierungssteine auf dem gepflasterten Boden bestimmten Teilnehmern den richtigen Standort zu.

An ihren Gew?ndern tragen die Beamten ihr Rangabzeichen: ein mit Vogelmotiven besticktes Tuch, sorgsam auf die Robe gen?ht. Ein Kranich, der erhaben durch die Lüfte schwebt, zeichnet die h?chsten Staatsdiener aus. Niedrige Beamte hingegen sind etwa an einem Paar watschelnder Wachteln erkennbar.

Die Brustbes?tze der Offiziere zeigen die Bilder wilder Tiere: L?wen und Tiger, B?ren und Panther. So verharren die Menschen, steif und starr, in Verehrung des Kaisers.

Auf den Ruf des Zeremonienmeisters hin knien sie zum Kotau, der vorgeschriebenen Unterwerfungsgeste: Sie verneigen sich dreimal und berühren mit der Stirn den kühlen? Steinboden. Dann erheben sie sich und wiederholen die Bewegung noch zwei weitere Male.

Ein hoher Minister verliest die Namen von in die Provinz oder den Ruhestand versetzten Beamten, dann erstatten Staatsdiener in der Audienzhalle dem Kaiser Bericht über wichtige Vorg?nge in den Ministerien. Vor Sonnenaufgang muss die Audienz beendet sein. Es ist ein Schauspiel, das sich an jedem Tag wiederholt.

Niemand darf sich solchen Ritualen bei Hofe entziehen, selbst wenn es in Str?men regnet oder Schneeflocken stieben. Den Beamten ist es dann lediglich erlaubt, M?ntel zu tragen oder sich von Schirmtr?gern begleiten zu lassen.

Ein eigenes Ministerium überwacht die Einhaltung der Riten. Bis auf die Vortr?ge der Beamten unterscheidet sich kein Tag von einem anderen. W?hrend der Audienzen überwachen Zensoren die Menge: Penibel schreiben die W?chter die Namen all derer auf, die husten, spucken, stolpern. Peitschen knallen, um sie zur Ordnung zu rufen. Einen Beamten, er kurz nach einer Zeremonie unter sengender Sonne einen F?cher aus dem ?rmel zieht und sich Luft zuwedelt, kostet sein eigensinniges Verhalten sechs Monatsbezüge.

Die Verbotene Stadt

Ein Wassergraben, mehr als 50 Meter breit, sowie eine hohe Mauer mit Wachtürmen an den Ecken schirmen die Residenz des Himmels-sohnes ab von der Welt. Ein heiliger Ort, der nur mit offizieller Erlaubnis betreten werden darf

Kaiser Wanli fühlt als Gefangener der Verbotenen Stadt

So schreibt der Himmel das Hofzeremoniell vor, doch sogar Herrscher empfinden die Audienzen als Bürde. Wanli, der 1572 als 13. Kaiser der Ming-Dynastie den Thron bestiegen hat, sucht oft nach Gründen, ihnen fernzubleiben: Benommenheit oder ein überfluss des Feuerelements in seinem K?rper, das Juckreiz verursache. Wie kein Herrscher vor ihm hadert Wanli mit den Zw?ngen des Kaisertums.

Sein Leben verl?uft in beklemmender Eint?nigkeit. Neben den Audienzen hat sich der Monarch dem Studium konfuzianischer Klassiker zu widmen sowie der Kalligraphie und der Geschichte. T?glich tragen die Eunuchen mehr als zwei Dutzend Memoranden herbei, Berichte, Gesetzesentwürfe, Eingaben. Fast mechanisch unterzeichnet der Herrscher sie mit zinnoberroter Tusche, der Farbe des Kaisers, deren Missbrauch unter Todesstrafe verboten ist. Erfordern die Eingaben kompliziertere Antworten, übernehmen dies seine Berater.

Wanli fühlt sich bevormundet und ohnm?chtig, als Gefangener der Verbotenen Stadt. Als er versucht, anstelle seines Erstgeborenen jenen Sohn als Thronfolger zu ernennen, den ihm seine Lieblingsfrau geboren hat, weigern sich die Beamten – und der Kaiser muss sich dem Protokoll beugen. Und so greift er zu einer anderen Waffe: Passivit?t.

1587, zwei Jahre vor der Ankunft Wei Zhongxians, tritt der Kaiser in einen Streik – und wird ihn bis zum Ende seiner Regentschaft im Jahr 1620 fortsetzen. Jahrzehntelang erscheint er nicht mehr zu Audienzen, nicht einmal zu gro?en Zeremonien. Sogar dem Trauerritual nach dem Tod seiner Mutter bleibt er fern. Unbearbeitete Memoranden türmen sich bald in den Hallen.

Da es allein dem Kaiser obliegt, hohe Beamtenstellen zu besetzen, bleiben überall im Reich Posten frei. Wanli r?cht sich damit an den Bürokraten, denen er so Verdienst- und Aufstiegsm?glichkeiten nimmt. Und er l?hmt das Verwaltungs- und Justizsystem. In den Kerkern siechen Angeklagte, weil niemand da ist, der ihnen den Prozess machen k?nnte.

Doch auch ohne den Kaiser werden die meisten Rituale eingehalten. Seine Untertanen versammeln sich morgens pünktlich zu den Audienzen – und vollziehen den Kota vor leerem Thron. L?ngst hat der Monarch die Bürokraten gegen sich aufgebracht. Da er ihnen Selbstherrlichkeit und Doppelmoral unterstellt, vertraut Wanli die Regierungsgesch?fte immer h?ufiger Eunuchen an, die auf diese Weise enorm an Einfluss gewinnen. Er l?sst sie sogar mit zinnoberroter Tusche signieren – und stellt immer mehr Entmannte in seinen Dienst.

Wei Zhongxian gewinnt zunehmend an Einfluss

Im Zuge einer dieser Rekrutierungswellen muss 1589 auch Wei Zhongxian ein kaiserlicher Eunuch geworden sein. Rund 25 Jahre verbringt er nun in der Kaiserstadt, ohne je von sich reden zu machen. Doch dann beginnt sein Aufstieg zum berüchtigtsten Schurken in der Geschichte der Verbotenen Stadt.

Wahrscheinlich hat er einfach Glück, dass er in die Palastanlage berufen wird – als Diener der Herrscherfamilie. Statt Pferde zu füttern, serviert er fortan dem Enkel Wanlis Speisen. Und wei? dem Prinzen zu gefallen. Wei besorgt exotische Früchte und andere Delikatessen, die der Junge gern mag.

Wei begegnet auch Madame Ke, der Amme des Prinzen. Offenbar gef?llt er der sch?nen Frau, mit seinem athletischen Aussehen und selbstbewussten Auftreten. Auch wei? er Komplimente zu machen, ist h?flich, zuvorkommend.

So gewinnt er rasch die Gunst Madame Kes – und durch sie gro?en Einfluss auf den Thronfolger. Denn Madame Ke ist im ritualerstarrten Alltag der Verbotenen Stadt wohl die Einzige, die dem Prinzen Zeit und Zuneigung gibt.

Eine überaus enge Bindung ist daraus erwachsen. Madame Ke bewahrt in einer Dose seine Milchz?hne, abgeschnittene N?gel, Haare, gar den Schorf seiner Haut auf. Der Prinz wird sich sein Leben lang zu ihr hingezogen fühlen und kaum eine Entscheidung ohne sie treffen.

Zugleich knüpft Wei Bande zu den bedeutenden Eunuchen im Palast. Er wei?, dass sie wichtige Kontakte zu Beamten im gesamten Reich pflegen – Beziehungen, die Wei wom?glich noch von Nutzen sein k?nnten. Und dass sie gro?en Einfluss auf den Herrscher ausüben.

Kein Eunuch erlangt je so viel Macht wie Wei Zhongxian

Denn niemanden l?sst ein Kaiser so dicht an sich heran wie die Kastrierten, die ihre Genitalien in einem Beutel bei sich tragen, um im Jenseits wieder die Chance auf Vervollkommnung zu haben. Die Entmannten begleiten den Herrscher vom Erwachen bis in den Schlaf.

Sie servieren ihm das Frühstück, halten den Schirm w?hrend seiner Spazierg?nge, reichen ihm im Sommer erfrischende Getr?nke mit Eis (das bei Frost aus dem Goldwasserfluss geschnitten und in unterirdischen Kühlkellern konserviert wird). Im Winter tragen sie ihm Kohlebecken herbei, an denen er sich H?nde und Fü?e w?rmen kann.

Die Eunuchen organisieren den Palastbetrieb. Sie leiten das Siegelamt, die St?lle des Herrschers, das Hofarsenal, verwalten fast alle Lagerh?user und Manufakturen in der Kaiserstadt.

Aber auch für die Staatsgesch?fte sind sie l?ngst unentbehrlich. Als Gesandte und Steuereintreiber des Monarchen bereisen sie das gesamte Reich. Andere führen das Zeremonienamt, die Schaltzentrale des kaiserlichen Hofs: Dort prüfen sie alle an den Herrscher adressierten Memoranden und Berichte. Zudem stehen die Entmannten auch dem h?fischen Geheimdienst vor.

Doch kein Eunuch erlangt je so viel Macht wie Wei Zhongxian. 1620 kommt die Gelegenheit, auf die er gewartet hat.

1620 besteigt der vierzehnte chinesische Kaiser den Thron

In jenem Jahr scheinen d?monische Kr?fte bei Hofe zu wirken. Am 18. August 1620 stirbt Kaiser Wanli. Eine sp?tere Untersuchung ergibt, dass sich der Herrscher vermutlich mit einer überdosis Opium umgebracht hat.

Ihm folgt sein Sohn Taichang auf den Thron. Doch nach drei Tagen im Amt erkrankt der Erbe und stirbt unter r?tselhaften Umst?nden am 26. September. Der Hofstaat ist wie gel?hmt von doppelter Trauer und Fassungslosigkeit. Wirkte der neue Kaiser bei seiner Thronbesteigung nicht kerngesund? Und was hat es mit jener roten Pille auf sich, die ihm ein Eunuch nur einen Tag vor seinem Tod als angebliche ?Wundermedizin“ verabreicht hat? Gerüchte schwirren durch die Kaiserstadt. Ganz aufgekl?rt werden die Geschehnisse nie.

Verbrieft ist hingegen: Noch 1620 besteigt der erstgeborene Sohn des gerade Verstorbenen den Thron – jener Prinz, dem Wei schon seit Langem dient. Gerade 14 Jahre alt ist Kaiser Tianqi da. Seinen Studiensitzungen kann Tianqi (der offenbar lernbehindert ist) kaum folgen. Lieber besch?ftigt er sich mit Holzarbeiten, bestaunt einbestellte Puppenspieler, w?hrend enge Vertraute die Staatsgesch?fte übernehmen – allen voran Madame Ke und Wei Zhongxian.

Der Kaiser ist seiner einstigen Amme noch immer h?rig. Direkt nach Tianqis Thronbesteigung lassen sie und der Eunuch sich Ehrentitel verleihen und versorgen auch Verwandte mit Posten.

Die Macht der beiden nimmt fortan immer weiter zu. So jedenfalls berichtet es die offizielle Chronik der Ming-Dynastie, die wichtigste Quelle für jene Zeit (die allerdings Eunuchen und Frauen h?ufig negativ darstellt und deren Fehler übertreibt). Nach dieser Chronik sto?en sich kritische, konfuzianischen Werten wie Loyalit?t und Anstand verpflichtete Beamte schon früh an der Gier des Duos. Die Mahner protestieren gegen Madame Kes Einfluss auf die Politik.

Der Kaiser reagiert: Er bestraft die Kritiker – und st?rkt damit die Kr?fte um Madame Ke und Wei Zhongxian, die alsbald zum Gegenschlag ansetzen.

Im Sommer 1621 lassen sie erste Opponenten aus dem Palast verbannen. Darunter ist ein hoher Eunuch, der bereits Tianqis Vater loyal diente. ?Mach einen guten Kaiser aus mir“, hatte Tianqi einst auf einen F?cher geschrieben und dem Mann geschenkt. Der ist allerdings ein aufrechter Konfuzianer.

Haben Wei und seine Verbündeten Furcht vor einem Rivalen? Jedenfalls wird der verdiente Berater von ihnen verunglimpft, vom Hof versto?en, eingekerkert – und im Gef?ngnis get?tet. Dies ist erst der Anfang der politischen S?uberungen.

Die Verbotene Stadt

Das Tor der leuchtenden Moral schützt jenen Bereich, in dem die Kaiser ihre Audienzen halten und Staats-gesch?fte erledigen. Die Verwaltung selbst aber überlassen die Herrscher Beamten und Palasteunuchen

Denn 1622 wird Wei Zhongxian zum Direktor des Zeremonienamts ernannt. Madame Ke hat dem Kaiser zu dieser Personalie geraten. Nichts qualifiziert Wei – den Unerfahrenen, der ja weder lesen noch schreiben kann – für dieses Amt. Dennoch folgt Tianqi der Empfehlung seiner früheren Amme. Anders als bei den Beamten gibt es für Eunuchen keine klar geregelte Karriereleiter mit offiziellen Prüfungen; ihr Aufstieg ist allein von der Gunst des Herrschers abh?ngig.

Von nun an erh?lt Wei noch vor dem Kaiser alle wichtigen Neuigkeiten. Vor allem aber kann er fortan steuern, wie Tianqi auf die eingehenden Berichte und Memoranden reagiert. Denn der überforderte Himmelssohn setzt meist willig seine Unterschrift unter bereits vorformulierte Antwortpapiere.

Auf diese Weise liegt die eigentliche Macht zunehmend in der Hand des Eunuchen. Gleichzeitig versteht Wei es, den Herrscher bei Laune zu halten; so hat er Tianqi, der Pferde liebt, in der N?he der St?lle eine Rennbahn bauen lassen.

Ein hoher Beamter, der die Gefahren erkennt, verfasst im November 1622 ein leidenschaftliches Memorandum: Er bekundet seine Sorge darüber, dass der Himmelssohn die Politik vernachl?ssige und Milit?rparaden so gleichgültig beiwohne, als marschierten da nur Marionetten auf und ab.

Doch Wei redet dem Kaiser ein, der Beamte habe nicht die Soldaten, sondern den Herrscher selbst mit einer Puppe verglichen – und fordert: ?Ihr müsst ihn t?ten, um dem Reich zu zeigen, dass man sich über Euch nicht lustig macht!“

Der Monarch ordnet zwar letztlich nur eine Degradierung an. Dennoch zeugen Wei Zhongxians Worte schon von seiner Skrupellosigkeit, die bald in der Verbotenen Stadt gefürchtet sein wird.

1621 findet die Verm?hlung von Tianqi und Zhang Ma statt

Madame Ke versucht unterdessen auf ihre Weise, den Hof von Widersachern frei zu halten. Sie legt fest, welche Eunuchen Zugang zum Herrscher haben. Doch als die neue Kaiserin erkoren werden soll, ist ihre Furcht gro?, eine andere Frau k?nnte Tianqi bet?ren und beeinflussen – zumal die Auswahl der Herrschergattin am Hof streng geregelt ist und es undenkbar w?re, dass die einstige Amme hier mitbestimmt.

Neben einer Gemahlin hat der Kaiser Anspruch auf eine Reihe von Nebenfrauen und ungez?hlte Konkubinen. Und so treffen bald nach Tianqis Kr?nung fast 5000 M?dchen in der Hauptstadt ein. Bei Hofe nehmen ?ltere Palastfrauen die Kandidatinnen in Augenschein. Haben sie Sch?nheitsfehler? Sind sie hinreichend gebildet? Ein M?dchen nimmt die Gutachter schnell für sich ein: die 13-j?hrige Zhang Ma, eine Waise, die bei einem Gelehrten aufgewachsen ist. Wenig sp?ter zieht sie im Palast ein.

Die Frauengem?cher in der Verbotenen Stadt sind ein weltentrücktes Universum, das au?er dem Kaiser kein unkastrierter Mann betreten darf. Bei Todesstrafe ist es den gut 3000 Bewohnerinnen verboten, Kontakt zur Au?enwelt aufnehmen. Die meisten von ihnen führen ein Leben der Leere und der Einsamkeit, das vor allem aus Warten besteht.

Allabendlich legen die Eunuchen dem Himmelssohn kleine Jadet?felchen mit den Namen m?glicher Gespielinnen vor. In einer Decke wird die Auserw?hlte dann nackt ins Herrschergemach getragen, wo sie unter die Betttücher des Kaisers huscht. Die Entmannten halten den Besuch in einem Protokoll fest.

Die meisten Konkubinen warten ihr Lebtag vergebens auf einen Ruf des Kaisers. Sie verschwenden ihre Jahre als Zimmerm?dchen, sind h?her gestellten Frauen ausgeliefert, die sie demütigen und bisweilen zu Tode prügeln lassen. Ihre sterblichen überreste werden verbrannt.

So wenig verlockend erscheint das Schicksal der Palastfrauen, dass viele Eltern ihre T?chter schnell verheiraten, sobald die Kunde von einer bevorstehenden Auswahl ihr Dorf erreicht.

Im Mai und Juni 1621 finden die Zeremonien zu Ehren der Verm?hlung von Tianqi und Zhang Ma statt. Madame Ke intrigiert von Beginn an gegen die Gemahlin. Sie verh?hnt deren unklare Herkunft. Als die Kaiserin schwanger wird, schicken Madame Ke und Wei ein Dienstm?dchen zu ihr: angeblich mit dem Auftrag, sie zu massieren und dabei das Kind im Bauch zu verletzen. Tats?chlich wird der S?ugling tot geboren.

In den folgenden Jahren bringen die Kaiserin und andere Konkubinen drei S?hne und zwei T?chter zur Welt – doch sterben alle fünf Kinder Tianqis noch vor ihrem ersten Geburtstag. Madame Ke ist heimtückisch, gnadenlos, unberechenbar, genau wie Wei Zhongxian. Wom?glich verbindet die beiden mehr als Machthunger, und sie sind ein Liebespaar: Auch Kastrierte k?nnen noch sexuelles Begehren empfinden, wenn sie wie Wei nach der Pubert?t entmannt worden sind.

Seinen Gefolgsleuten gegenüber ist er indes stets zuvorkommend. Gro?zügig verteilt er Posten und Geschenke an die Günstlinge, die ihn als ?Meister“ ansprechen. Er unterh?lt eine Residenz au?erhalb der Verbotenen Stadt in der N?he der Privatwohnung von Madame Ke, bereichert sich an den h?fischen Sch?tzen und l?sst sich mit ?ffentlichen Geldern ein privates Mausoleum errichten.

Wei Zhongxian wird Direktor des Geheimdienstes

Wei konsolidiert seine Macht, w?hrend immer neue Krisen das Reich erschüttern. Auf Naturkatastrophen und Missernten folgen Hungersn?te, Bauernaufst?nde brechen aus. An der Grenze im Nordosten lauern die milit?risch straff organisierten Mandschu, greifen immer wieder an und erobern kleinere Gebiete. Nur mit hohem Einsatz kann Chinas Armee sie zurückdr?ngen.

Die Soldaten sind schlecht organisiert und sch?big ausgerüstet: Ihre Kleidung ist oft nur mit Altpapier ausgestopft. Dennoch kostet das vier Millionen Mann starke Heer gro?e Summen. Auch deshalb ist die Staatskasse fast leer. Zudem entzweit sich die Beamtenschaft in zwei Lager – in Konfuzianer und jene, die sich mit Wei gutstellen und ihre Privilegien wahren wollen. Das bringt das gesamte Reich in Unruhe.

China br?uchte dringend einen Erneuerer. Kaiser Tianqi aber besch?ftigt sich lieber mit Schnitzereien. Um 1623 ernennt er seinen obersten Eunuchen zudem zum Direktor des Geheimdienstes – und verleiht ihm damit noch mehr Einfluss.

In den H?nden Wei Zhongxians, so überliefern es Chronisten, wird die Beh?rde zum Werkzeug des Terrors. Denn der heimliche Herrscher von China hat nun die Macht, jeden einfachen Untertanen anzuklagen, der ihm unliebsam ist.

Der Eunuch entsendet seine Agenten bis in die hintersten Winkel des Reiches. Er l?sst sie Listen mit den Namen all derer erstellen, die es wagen, ihn zu kritisieren. Wie Raubtiere auf der Jagd nach Beute streifen seine M?nner durch Beijing und andere St?dte. Vor Ort heuern sie zudem Bettler an, Verd?chtige auszuspionieren. Viele der Beschuldigten werden in die Geheimdienstzentrale ?stlich der Verbotenen Stadt verschleppt, gequ?lt und get?tet.

Bald darauf beginnt Wei Zhongxian, die Verwaltung der Hauptstadt zu s?ubern. Zwar ist allein die kaiserliche Leibgarde befugt, Gesetzesbrecher in der Beamtenschaft zu bestrafen. Doch Tianqi l?sst sie jeden Gegner seines berüchtigten Vertrauten verfolgen – vermutlich redet der ihm ein, nur so k?nne der Herrscher Verschw?rungen verhindern.

Zudem erwirkt Wei die Erlaubnis, in der Verbotenen Stadt ein Eunuchenbataillon aufzustellen. 10 000 bewaffnete Kastrierte exerzieren schon bald, begleitet von Gong- und Trommelschl?gen, in den H?fen. Und auf seinen Wunsch hin besetzt der Kaiser die wichtigen Beamtenstellen immer h?ufiger mit Günstlingen Weis.

Doch trotz allen Terrors wagen es die Konfuzianer, Wei anzuprangern. 1624 plant ein Beamter, w?hrend einer Zeremonie dem Herrscher eine Anklageschrift h?chstpers?nlich vorzulesen. 24 Verbrechen wirft er dem Eunuchen darin vor, darunter politische S?uberungen, Morde – und dass er ohne g?ttliches Mandat wie ein Kaiser agiere.

Wird der sonst so sorgsam abgeschirmte Himmelssohn seinem m?chtigen Berater die Gunst entziehen, wenn er von dessen Untaten h?rt? Doch im letzten Moment erh?lt der Hof einen Hinweis auf das Vorhaben und sagt die Zeremonie ab. Allerdings kann Wei nicht verhindern, dass der Autor daraufhin seine Anklage in Form eines Memorandums in der Verbotenen Stadt abgibt.

Als der Eunuch die Schrift in die H?nde bekommt, geht er wehklagend von Raum zu Raum. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Anschuldigungen den Himmelssohn erreichen. Wie wird der Kaiser auf die Vorwürfe reagieren? Und wird er den Kritikern Glauben schenken? Am n?chsten Tag, zur Mittagsstunde, legt der Eunuch schlie?lich selber dem Herrscher das Papier mit künstlicher Emp?rung vor. Unglaubliche Vorwürfe seien das, allesamt erlogen, sagt Wei. Der Kaiser wisse doch, was für ein guter und treuer Diener er ihm gewesen sei.

Tage sp?ter l?sst Tianqi das Memorandum ver?ffentlichen – sowie eine Antwort, in der er die Anklage als unversch?mt und unwahr zurückweist. Wei aber ist auch danach unruhig. Gibt es weitere Verschw?rer, die ihn beseitigen wollen? Gar nach seinem Leben trachten? Denn immer neue kritische Schriften erreichen nun den Hof, hohe Beamte fordern, den obersten Eunuchen zu entmachten.

Der Eunuch Wei Zhongxian wird zu einem Meister der Propaganda

Kurz darauf l?sst Wei sechs führende Oppositionelle festnehmen und in Gef?ngniswagen nach Beijing bringen. W?hrend der Verh?re stehen Folterknechte bereit, um die Gefesselten sogleich mit Schl?gen zu qu?len.

Nachdem die Gemarterten Wochen unendlicher Torturen überlebt haben, werden fünf von ihnen im Kerker ermordet; einer begeht Suizid. ?Krankheit“ lautet die offizielle Todesursache. Die Leichen werfen Weis H?scher erst nach Tagen aus einer Pforte des Gef?ngnisses in die sengende Sonne. Als Angeh?rige die Toten bergen wollen, fallen Maden aus den Leichentüchern.

Doch selbst das ist Wei noch nicht Vergeltung genug. Immer neue schwarze Listen mit Namen kritischer Beamter kursieren. In den Gef?ngnissen martern seine Folterknechte mit Finger- und Kn?chelpressen, schneiden angeblichen Verschw?rern Haut und Zunge ab.

So kontrolliert und terrorisiert der Eunuch auch die Bürokratie. Wer sich ihm widersetzt, wird per Dekret der Verschw?rung oder Korruption bezichtigt. Hunderte Menschen l?sst Wei in den Jahren seiner Amtszeit ermorden. Trotz aller Grausamkeiten genie?t er im Reich Ansehen. Die schlimmsten der Verbrechen, von denen sp?ter die Chronisten berichten, geschehen im Verborgenen – hinter den Mauern der kaiserlichen Gef?ngnisse.

Und vielleicht sch?tzen ihn viele Untertanen als starken Mann an der Seite des kraftlosen Kaisers. Den Himmelssohn machen sie verantwortlich für die Krisen und Katastrophen im Reich. Der Eunuch hingegen wei? die wenigen erfreulichen Meldungen als eigene Erfolge zu pr?sentieren.

Als 1626 chinesische Truppen Siege gegen die Mandschu erringen, feiert Wei Zhongxian sie als seine Triumphe. Zudem regt er ?ffentlichkeitswirksam die Wiedererrichtung dreier Hallen in der Verbotenen Stadt an, die bereits seit l?ngerer Zeit verfallen sind. Den Bau finanziert er mit jenen Geldern, die seine H?scher Oppositionellen und deren Familien genommen haben.

Offenbar ist der Eunuch auch ein Meister der Propaganda. Denn zum Dank errichten Menschen vielerorts im Reich Tempel mit h?lzernen Wei-Statuen, schlie?en ihn in ihre Gebete ein.

Mit dem Tod des Kaisers schwindet auch Wei Zhongxians Macht

Tianqi, der wahre Kaiser, l?sst all dies geschehen. Er unterbindet nicht, dass ein Empork?mmling die kosmische Ordnung st?rt und verehrt wird wie ein Himmelssohn. Im Gegenteil: Ab 1626 h?lt er Beamte sogar dazu an, in ihren Memoranden nicht nur ihn zu preisen, sondern auch den M?chtigsten an seiner Seite: Wei Zhongxian.

Der Eunuch hat sich ein Mausoleum errichten lassen, so gro?, wie es nur einem Kaiser zusteht. Einen Beamten, der vorschl?gt, dabei aus Spargründen Altkupfer zu verwenden, l?sst er so fürchterlich prügeln, dass der Gestrafte an den Folgen stirbt.

Doch die St?rke des Eunuchen gründet allein auf Tianqis Schw?che. Und im Juni 1627 verspürt der 21-j?hrige Kaiser pl?tzlich Unwohlsein und verl?sst schon bald sein Bett nicht mehr.

Um Ruhe zu finden, zieht er zeitweilig in einen kleineren Palast um, den Wei Zhongxian mit roter Seide hat auskleiden lassen – der Farbe des Glücks. ?rzte werden hinzugezogen. Sie verabreichen Tianqi eine Medizin aus dem Kondensat von ged?mpftem Reis, doch sein Zustand verschlechtert sich weiter.

Am 19. September 1627 empf?ngt der Herrscher ein letztes Mal Minister und Vertraute an seinem Krankenbett. Da er keine eigenen S?hne hinterl?sst, benennt er seinen jüngeren Halbbruder zum Thronfolger. Bald darauf, am Nachmittag des 30. September 1627, stirbt Kaiser Tianqi.

Selbst die Trauer folgt in der Verbotenen Stadt einer festen Choreografie; seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen gilt im Konfuzianismus als barbarisch. Die hohen Beamten sammeln sich um das Totenlager und stampfen, entsprechend dem Zeremoniell, laut weinend mit dem Fu? auf.

Wei Zhongxian wohnt der Zeremonie schweigend und mit tr?nennassen Augen bei. Vielleicht ahnt er, dass mit Tianqis Tod auch sein Ende bevorsteht. Vergebens hat er zuvor wohl noch versucht, die Kaiserin zur Adoption seines Gro?neffen zu überreden – um so einen eigenen Thronfolger zu installieren.

Ohne einen ihm h?rigen Herrscher hat Wei keinen Zugriff auf die fast 37.000 Mann der kaiserlichen Garde. Und sein Eunuchenbataillon ist viel zu klein für einen m?glichen Putsch. Der neue Kaiser Chongzhen bricht bereits nach kurzer Zeit die Macht Wei Zhongxians.

Am 8. Dezember 1627 erl?sst der Herrscher ein langes Edikt, das die Verbrechen des Eunuchen auflistet. Am selben Tag wird Wei ins Exil in den Süden des Reiches verbannt.

Wei Zhongxian muss ins Exil

Mit gro?em Gefolge verl?sst er Beijing. Da er alle politische Macht verloren hat, versucht der Vertriebene nun, zumindest seine Reichtümer zu retten. H?ndler, die ihm unterwegs begegnen, berichten bei Hofe, Wei Zhongxian und seine Getreuen reisten mit mehr als 100 Wagen und über 1000 Pferden und Maultieren. Die Tiere schnaubten und schwitzten unter der Last aufgesattelter Taschen. Schmuck und andere Kostbarkeiten quollen heraus: Diebesgut aus dem kaiserlichen Palast.

Der neue Herrscher ist erzürnt. Und gilt das südliche Reich nicht als Hort von Grobianen und Rebellen, die Wei für einen Racheakt gewinnen k?nnte? Kaiser Chongzhen sieht sich zu h?rterem Handeln gezwungen. Er befiehlt seiner Leibgarde, Wei Zhongxian und dessen Begleiter festzusetzen.

Doch einige Anh?nger Weis, die sich noch in Beijing aufhalten, erfahren davon und verlassen ebenfalls eilig die Kapitale, um ihren Meister zu warnen. Als der von der drohenden Verhaftung erf?hrt, kommt er der Rache seiner Gegner zuvor. Er l?st seinen Gürtel vom Gewand und erh?ngt sich im Geb?lk eines nahe gelegenen Gasthofes.

Die geborgene Leiche Wei Zhongxians wird zun?chst beerdigt, doch gut zwei Monate sp?ter exhumiert. Sein Tod allein ist nicht genug. Der Kaiser ordnet nachtr?glich die Strafe für Hochverr?ter an: die Zerstückelung des Leibes mit Messerstichen. Weis abgetrennten Kopf l?sst der Herrscher zur Abschreckung im Heimatort des Schurken ausstellen.

Und auch Madame Ke muss bü?en. Auf kaiserlichen Befehl hin durchsuchen Soldaten ihr Haus und sto?en dabei auf acht schwangere Dienerinnen. Die Frauen hatten die einstige Amme in die Verbotene Stadt begleitet. Die ungeborenen Kinder k?nnten deshalb Nachkommen des Kaisers Tianqi sein: ein ungeheuerlicher Vorgang.

Ein Ermittler befragt die gest?ndige Misset?terin – und erschl?gt sie noch w?hrend des Verh?rs. Dutzende weitere Anh?nger des Eunuchen werden hingerichtet oder zum Suizid gezwungen, mehr als 100 degradiert, ihrer Posten enthoben oder verbannt. Der Herrscher bestimmt zudem, s?mtliche Wei-Tempel seien abzurei?en, und l?sst den Familien der zahlreichen Opfer Geschenke und Ehrentitel zukommen.

Doch der Schaden für das Reich ist nicht mehr rückg?ngig zu machen. Die jahrzehntelange Arbeitsverweigerung von Kaiser Wanli und die darauf folgende heimliche Herrschaft Weis haben die Dynastie nachhaltig besch?digt.

In manchen Provinzen ist die Bürokratie zusammengebrochen: Die Beamten sind demoralisiert, zutiefst verunsichert, von ihren Herrschern entt?uscht. Die Edikte des neuen Kaisers laufen ins Leere, der Staat ist fast bankrott und die Bev?lkerung in Aufruhr.

Der m?chtigste aller Eunuchen kann kein Unheil mehr anrichten, doch die glorreiche Dynastie der Ming ist nicht mehr zu retten: Nur 17 Jahre nach dem Tod Wei Zhongxians geht sie endgültig unter, und die kriegerischen Mandschu erobern China.

Die nun folgenden Kaiser der von den Mandschu begründeten Qing-Dynastie werden aus den Fehlern der Ming- Monarchen lernen. Kein Entmannter soll mehr zum heimlichen Herrscher aufsteigen. Die Regenten begrenzen die Zahl der Eunuchen am Hof, beschr?nken deren Einfluss, schlie?en sie von allen Staats?mtern aus und unterstellen sie strenger Aufsicht.

Doch solange Kaiser über China gebieten, wird es auch Kastrierte geben, die ihnen zu Diensten sind. Selbst der m?chtigste Himmelssohn ist hilflos ohne seine Eunuchen. Und so werden noch fast drei Jahrhunderte lang zahllose M?nner Operateure aufsuchen, sich für ein paar Silberstücke entmannen lassen, um den Herrschern in ihren Pal?sten jeden Wunsch zu erfüllen, beargw?hnt und unentbehrlich.

Für ein Leben im Herzen der Macht, in der Verbotenen Stadt in Beijing.

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